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    Musik ist nicht alles, doch ohne Musik geht’s nicht

    Gitarrist Walter Negele hat einen Spagat und ein Comeback geschafft – Neue CD „Survive“ mit der Band Gina Is Late aufgenommen

    Musik allein ist nicht sein Leben. Ein Leben ohne Musik kann sich Walter Negele jedoch nicht vorstellen. Dabei spricht er von sich gerne als Amateur. Profis, das sind andere. Die, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen. Ob die Berufsspieler vom musikalischen Können immer besser sind, darüber schweigt sich der 66-jährige lieber aus. Gerade was die heutigen Bands, Sänger und die (Musik-)Stile angeht. Mit seinem langjährigen Freund Uli Frank am Keyboard und der neuen Sängerin Gina spielte der Gitarrist mit der Band „Gina Is Late“ Gitarre, die jetzt eine neue CD „Survive“ ein. Kein Werk aus der Schublade. Eigene Titel. Eigener Rhythmus. Eigene Stile. Eben eigenwillig. Mut zu (mehr) Musik. 

    In Winnenden, genauer in Berglen-Bürk, ist Walter Negele mit seiner Frau Silvia zu Hause. Die großen Scheiben die bis zum Boden, bieten einen herrlichen Blick in die Natur. Eine große und freistehende Küche mit allem Drum und Dran, ein wuchtiger Ledersessel, der Kamin, der große Esstisch – der großzügige Raum ist angenehm, keinesfalls protzig. „Die hend’s geschafft“, sagt der Schwabe. Geschafft, weil viel geschafft. 

    „Hallo, ich bin der Walter. Lass uns einfach Du sagen“, meint der Hausherr locker zur Begrüßung. T-Shirt und Jeans, fertig. Nichts Aufgesetztes oder überkandideltes. Er lacht gerne, ist eineinhalb Stunden offen im Gespräch. Langweilig wird’s zu keiner Zeit. Logisch: Walter Negele ist einer mit zwei Leben. 

     


     

    Zur Musik. Die erste Single mit den Titeln „Open your eys“ und „Lone some boy“ haben der Gitarrist und die Band mit dem klangvollen Namen „Nirvana Pancake“ schon 1973 aufgenommen. Von Mitte bis Ende der 1970er Jahre folgen die damals so genannten Langspielplatten, in Kurzform: LP, „Roxy Elephant“, „Out of Ashes“ oder „Ilusion“. Auf dem Backnanger Straßenfest waren die Auftritte schon Kult. Trotzdem meint er heute selbstkritisch: „Wir wollten damals berühmt werden und haben viele Songs und Hits gecovert, haben uns dem allgemeinen Trend angepasst. Das war insgesamt ein Fehler.“ Trotzdem machte sich die Band einen Namen in der Region. „Wir haben für unsere Auftritte rund 1000 D-Mark bekommen. Das war zu der Zeit viel Geld.“ – Gerockt wurde was das Zeug hielt. Deep Purple dröhnte aus den Boxen, Woodstock und seine Nachwirkungen ließen grüßen. Die Gitarren jaulten. Jimi Hendrix und sein legendäres „Hey Joe“ leb(t)en weiter. 

     

    Der Titel „Ilusion“ passte jedoch zum weiteren Lebensweg von Walter Negele. Eben zu versuchen, eine Illusion, einen Traum in die Wirklichkeit umzusetzen: Vom harten Brot des Berufsmusikers ein Stück abzubeißen. „Dafür hätte ich meine Familie mit zwei Kindern verlassen und nach Berlin in die Szene abwandern müssen“, meint der heute 66-Jährige. Zudem war da noch der elterliche Betrieb. Er entschied sich fürs Bleiben. 

     

    Und damit für den Beruf. Aus dem Schreinermeister mit vier Angestellten Anfang der 1980er Jahren wurde ein erfolgreicher Unternehmer. Die Negele GmbH Küchenhaus Schreinerei in Winnenden beschäftigt heute 46 Mitarbeiter. Rangeklotzt hat in diesen harten Jahren („ehrgeizig war ich schon immer“). Stundenzählen unwichtig. Viele Jahre wohnten Negeles direkt über der Firma. Allzeit bereit. – Die Gitarre hing an dem berühmten Nagel.

     

    Lautsprecher also aus. Doch den Stecker nicht gezogen. – Lautsprecher wieder an. Volle Dröhnung. Mit Anfang 50 das Comeback. Seine Frau Silvia schenkte ihm zum Geburtstag einen Lehrgang als Wiedereinsteiger bei Calo Rapallo, der bekannte Gitarrist aus Miedelsbach hat den Blues im Blut. Und Blut leckte Walter Negele. Die Leidenschaft zur Musik hat ihn erneut und schnell gepackt. Da war außerdem sein alter Kumpel Uli Frank, der längst ein erfolgreicher Architekt war. Als Keyboarder war er der Klangwelt trotzdem über die Jahre treu geblieben, überzeugte als begnadeter Soundtüftler mit dem Latino-Projekt „Aqua Loca“ zudem als Livemusiker. Die beiden bildeten schnell wieder ein kongeniales Team. Die Alben „Remember The Time“ (erschienen 2005) und „Imagination of an Angel“ (2011) – zeigten Klasse. Beeindruckende Spätwerke, deshalb passend wohl der Name der Band: „LATE“. 

     

    Doch besser als zu spät. „Tja, Alter schützt vor Qualität nicht“, schmunzelt Negele. Vor Innovation schlossen sich die beiden ebenfalls nicht. Deshalb wurde aus dem Duo nun ein Trio. Sechs Jahre ließ der neue Tonträger auf sich warten, ehe „Survive“ auf den Markt kam. Der Titel „Survive“ heiß übersetzt „überleben“, „am Leben bleiben“ oder „noch leben“. Passend steckt in der Scheibe maßlos viel Leben drin. Ob Blues, Balladen, Pop oder Rock, viele (Musik-)Richtungen sind präsent. Nicht zufällig. Vielmehr gewollt. „Das ist unsere Musik, so wie wir sie lieben. Daran haben wir diese sechs Jahre gearbeitet“, erklärt der Gitarrist. Die CD wurde ohne Rückendeckung einer Plattenfirma aufgenommen, die Kosten werden selbst getragen. Der kommerzielle Erfolg der CD ist für ihn kein Gradmesser für Erfolg. Die Musik ist’s, die zählt. Die Qualität der Musik bestimmt den Wert.

     

    Deshalb auch Trio. Für „Survive“ wurde mit der Stuttgarter Regine Riegel eine außergewöhnliche Sängerin dazu gewonnen, die über eine klang- und kraftvolle Stimme verfügt. Auch als fulminante Soulstimme. Als Gina (Künstlername) lebt sie die Musik. Volle Anerkennung dafür von Uli Frank und Walter Negele: Aus der Band „LATE“ wurde „Gina Is LATE“. Gerade die kreative Vielfalt des Gesangs macht diese CD zu einem noch stärkeren Erlebnis. Hinzu kommt die Virtuosität der Musiker.

     

    Als „Hochkonzentriert und mit viel Selbstdisziplin“ beschreibt der 66-Jährige seinen Arbeitsstil. Nicht nur im Proberaum, im Studio oder auf der Bühne: „Was ich spiele ist oft kompliziert.“. Die Leidenschaft (darin steckt auch das Wort „Leiden“) treibt ihn an. Im Wohnzimmer hängen ein Dutzend Gitarren an der Wand. Ein Motiv, an dem ein Fotograf kaum vorbeikommt. Die Instrumente sind jedoch keine Trophäen, vielmehr betreibt Negele damit mehr als Fingerübungen.

     

    Verbissen ist der Musiker jedoch nicht. Immer locker bleiben. Zum Foto holt er die Sonnenbrille. Wie Udo Lindenberg („gehört dazu, ne“), der nächstes Jahr dann mit 72 Jahren auf Tournee nochmals die Stadien in Deutschland füllen wird. „Is nich…“ beim 66-jährigen Schwaben. Der trauert dem Musikbusiness nicht nach. Im Gegenteil: „Unsere Firma läuft gut. Tochter und Sohn arbeiten mit den Ehepartnern im Unternehmen, alles bestens.“ 

     

    Lieber Berglen-Bürk statt Berlin. Musikalische Freiheit statt Lieferdruck von Managern der Musikindustrie. Lachend schnappt er sich eine Gitarre: „Wo willst du das Bild machen?“ – Im Wohnzimmer steht auch eine nostalgische Musikbox, die noch funktioniert sowie ein Kicker. Das passt als Hintergrund. – „Fehlt nur noch der Flipper, dann passt alles“, kommt der Kommentar, dem sofort die Antwort folgt: „Hatte ich, habe ich aber meiner Tochter geschenkt.“

     

    Dem Foto vor der Wand mit den vielen Gitarren kann wohl niemand wiederstehen. Mich eingeschlossen. „Hab’s doch gewusst“, lacht Walter Negele mit der schwarzen Sonnenbrille. Er ist mit sich und der Welt zufrieden. Dazu gehört die Musik, die ein geliebter und gelebter Teil seines Lebensinhaltes ist. 

    Jürgen Klein