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    Wenn der Gast im Wohnzimmer zu Gast ist

    „Das ist mein Zuhause, hier lebe ich“ – Nostalgie und Puppenstube in Kati’s Bistro-Kinobar

    Wer die Tür zu Kati’s Wohnzimmer aufmacht, betritt eine andere Welt. Kati’s Welt. Der Raum wirkt wie eine Puppenstube. Hier eine alte Vase unter einem Häkeldeckchen auf der Fensterbank. Dort die weiße Spitzendecke mit der bunten Schale. Alte Werbeschilder als Blech, von Persil bis Coca-Cola, lassen kaum einen freien Blick auf die Farbe der Wand. Auf jeder kleinen Stellfläche ist etwas zu finden: Pausbackige goldene Engel, eine altgediente Teekanne oder ein bereits vergilbter kleiner Globus. Kitsch und Künste oder Nostalgie? Ins alte Sofa lässt sich richtig rein plumpsen. Musik wird manchmal live gemacht. Allerdings mehr als nur biedere Hausmusik.

    „Hallo, ich bin die Kati“, meint Kati. Sie hat nichts dagegen, dass jemand zu ihrem Wohnzimmer einfach Kneipe sagt. Ist ja auch so. Offiziell nennt sich das Lokal in Winnenden Kati’s Bistro-Kinobar. „Das ist mein Zuhause. Hier wohne und lebe ich. Deshalb ist dies auch mein Wohnzimmer“, erklärt die 64-Jährige und fügt mit Freude an: „Ich habe meinen Traum verwirklichen können.“ Sie hat sich ihre eigene kleine Welt geschaffen. Mit viel Liebe und Details. Mag mancher bisweilen an einen Flohmarkt denken, das Wohnzimmer ist Katis-Welt. Mit Theke.

     

    Strahlt um die Wette:  Kati in ihrem Wohnzimmer.
    Strahlt um die Wette: Kati in ihrem Wohnzimmer.

    Die Wirtin lebt nicht in einer Scheinwelt, kennt das Leben und die Realitäten nur zu gut. Sie stammt aus einer Gastronomiefamilie. Schon ihr Vater hatte 1967 seine erste Kneipe in Winnenden aufgemacht, das damalige Vesperstüble in der Mitteltorstraße. Die damals 14-Jährige und ihre Schwester Rosi mittendrin. „Für mich war das nie Belastung, Pflicht oder gar Zwang. Im Gegenteil. Für mich war’s eine tolle Jugendzeit.“ Gleichzeitig ein Studium an der Universität des Lebens. Vor allem was Menschenkenntnis angeht. „Wo Alkohol getrunken wird, da herrschen andere Gesetze“, hat die spätere Anwaltssekretärin schnell gelernt.

    Für die gebürtige Ungarin, die seit 54 Jahren Winnendenerin ist und mit vollem Namen Katalin Spataro heißt, war die kühle Kanzlei von Rechtsanwälten nicht die Erfüllung. Ganz im Gegenteil zu ihren drei Kindern und ihrem italienischen Ehemann Pietro. Die beiden sind seit 40 Jahren verheiratet. „Ich bin kein einfacher Mensch, bin oft ein Sturkopf. Mein Mann hat’s da nicht immer leicht mit mir“, gibt Kati offen zu und lacht dabei. Dann wird sie ernst: „Die Familie steht jedoch über allem. Wenn was passiert, ist das alles halb so schlimm. Doch jeder muss für seinen Fehler einstehen. Fehler zu akzeptieren und daraus lernen, dann ist für mich alles in Ordnung.“ Klare Kante bei Kati. 

    Sie hat kämpfen müssen für ihr Wohnzimmer. Die Ringstraße 56 war nicht immer eine tolle Adresse. Drogendeals auf den Treppen und Alkoholexzesse waren vor fast 20 Jahren an der Tagesordnung. „Das hatte einen Hinterhofcharakter“, meint die Wirtin heute. Sie bewies jedoch Courage, setzte sich durch und die Szene beruhigte sich. Die Winnenderin, die 1999 die Gaststätte eröffnete, hatte zwei Ziele: „Das Kati’s ist meins. Das ist ein Stück von mir, mein Baby. Mein Zuhause. Zudem wollte ich ein Lokal, in dem auch Frauen alleine reinkommen und sich wohlfühlen können.“ Das Baby ist groß geworden, wenn auch weiter verspielt. Und Frauen sind hier gerne zu Gast.

    Rückschläge blieben jedoch nicht aus. Die Umstellung auf den Euro und die gesetzliche vorgeschriebene „Rauchfreie Gaststätte“ sorgte auch für die Lokalität in der Ringstraße für einen massiven wirtschaftlichen Einbruch. Resignation kam auf: „Da haben mir meine Kinder geholfen, mir neue Kraft gegeben.“ Kati kämpfte für ihren Traum statt die Tür für immer zu schließen.

    Kati’s Wohnzimmer heute zu betreten heißt „von einer eigene kleinen Welt eingenommen zu werden“. Ruhe, keine Hektik. Alte Tische und Stühle aus Holz, ein Korbsessel tut’s auch. Kaffee aller Sorten, ebenso Biere, alkoholfreie Drinks und Essen gut bürgerlich, wobei am Wochenende ein Frühstücksangebot dazu gehört. Wenn der echte Schwabe „heimelig“ hört, weiß er was gemeint ist. Wer rauchen will, für den führt die Gartentür zur überdachten Terrasse, die fast Wetterdicht gemacht ist. Und natürlich ist alles heimelig dekoriert. Die alte Vitrine ist vielfältig bestückt und ähnelt einer Puppenstube. Mit einem Heizstrahler lässt es sich gut sitzen. Wie bei Musik, beispielsweise live von Jürgen Hörig, dessen Stimme eigentlich nur aus dem Radio bekannt ist.

    Ja, Musik mag Kati, dafür keine Spielautomaten. Statt dessen gibt‘s Schach oder Backgammon. Ganze Sammlungen von Gesellschaftsspielen sind in einem Schrank verstaut. Für die Musik ist „der Hansi“ zuständig. Hans Derer von der Mediagroup 7us in Winnenden, längst ein Freund des Wohnzimmers, organsiert die Live-Konzerte mit verschiedenen Künstlern. Das Wohnzimmer ist ideal dafür. Klein aber fein, mit toller Akustik.

    Es ist so schön und angenehm in das Sofa zu plumpsen. Während dessen ist Kati überall. Von der Küche an den Tresen, durchs Lokal. Die 64-Jährige kennt fast alle Gäste persönlich. Das Alter spielt bei ihr keine Rolle. In ihrem Wohnzimmer können sich alle wohlfühlen. Wenn’s enger wird, sind ein Paar pausbackige goldene Engel oder ein Spitzendeckchen schnell an die Seite geräumt. – Hauptsache es bleibt gemütlich bei Kati’s. 

    Jürgen Klein

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