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    „Zuhören. Präsent sein. Keine Angst vor Kritik haben“

    Fellbachs Gabriele Zull ist die erste Oberbürgermeisterin im Rems-Murr-Kreis und steht ihren Mann

    Mit Gabriele Zull wurde am 18. September 2016 im Rems-Murr-Kreis zum ersten Mal eine Frau zur Oberbürgermeisterin gewählt. Die Fellbacher Bürger entschieden sich mit beeindruckender Mehrheit für die gebürtige Tübingerin, die 50-Jährige erhielt 61,16 Prozent der Stimmen. Ihr härtester Konkurrent Carsten Hansen kam nur auf 34,18 Prozent. Ein großer Vertrauensbeweis für das neue Stadtoberhaupt, verbunden jedoch mit großen Erwartungen. In dem eher von Männern geprägten Berufsstand muss nun Frau ihren Mann stehen. In einem Interview mit dem jUHU-Magazin nimmt Gabriele Zull nicht nur zu diesem Thema Stellung.

    Identifiziert sich mit Stadt  und Amt: Fellbachs  Oberbürgermeisterin  Gabriele Zull.
    Identifiziert sich mit Stadt und Amt: Fellbachs Oberbürgermeisterin Gabriele Zull.

    Knappe sechs Monate sind Sie nun im Amt. Haben Sie die Zeit eigentlich richtig wahrnehmen können?

    Die Zeit vergeht in der Tat wie im Flug. Jeder Tag ist von morgens bis spät abends gefüllt mit Terminen und Veranstaltungen. Neue Menschen, neue Orte, neue Eindrücke und Erlebnisse - das ist schon eine sehr intensive Zeit - aber auch eine sehr gute Zeit.

     

    Viele neue Menschen haben Sie kennengelernt. Wie behalten Sie dabei den Überblick? 

    Ich glaube, es wird noch eine Weile dauern, bis ich wirklich den Überblick habe. Am einfachsten ist es, wenn ich mit den jeweiligen Menschen ins Gespräch komme und etwas über sie persönlich und über ihre Arbeit oder ihr Engagement erfahre. Ansonsten frage ich beim nächsten Mal einfach nochmal nach, wenn ich es nicht mehr weiß. Das nimmt mir denke ich niemand übel.

     

    Wie sind Sie als erste Oberbürgermeisterin im Rems-Murr-Kreis in einer eher von Männern geprägte Domäne aufgenommen worden?

    Sehr gut. Da herrscht ein sehr kollegiales Verhältnis. Ich habe mich ja auch als Erste Bürgermeisterin schon in eher männlicher Umgebung bewegt. Es gibt derzeit nur sieben Oberbürgermeisterinnen und 51 Bürgermeisterinnen in 1101 Städten und Gemeinden in Baden-Württemberg.

     

    Frau Zull, müssen Sie als Frau bei ihren Kolleginnen und Kollegen im Rathaus eher dominant oder diplomatisch auftreten?

    Mir ist die Erfahrung und Meinung der Kolleginnen und Kollegen sehr wichtig, aber nach der Phase der Entscheidungsfindung sage ich auch, was ich will. Ich denke, es ist für die Mitarbeiter wichtig zu wissen, wo wir als Stadt hin wollen. Mein Anspruch ist ein ehrlicher und fairer Umgang miteinander. Fehler dürfen gemacht werden, wir sollten nur daraus lernen.

     

    Was bedeutet für Sie persönlich der Begriff „Bürgernähe“?

    Zuhören. Präsent sein. Keine Angst vor Kritik haben. Es bedeutet nicht, jeden Wunsch zu erfüllen, sondern zu hören, was die Menschen in unserer Stadt bewegt und dann auch entsprechend zu handeln - wenn es möglich ist.

     

    Welche Herausforderung ist der demografische Wandel für die Stadt Fellbach?

    Der demografische Wandel trifft Fellbach wie andere Städte auch - die am stärksten wachsenden Bevölkerungsgruppen sind die älteren Generationen. Unsere Gesellschaft wird sich zukünftig noch wesentlich mehr mit einem würdigen und möglichst selbständigen Leben im Alter beschäftigen müssen. Das betrifft das Thema Wohnen, Versorgung und Verkehr/ÖPNV ebenso wie den kulturellen und sozialen Zusammenhalt. Auch das gemeinsame Leben über die Generationen hinweg ist unser Thema.

     

    Welche Zukunftsprojekte wollen Sie in Angriff nehmen, gerade im Senio­renbereich?

    Altersgerechtes bezahlbares Wohnen, Barrierefreiheit im öffentlichen Raum, generationenübergreifende Projekte, Nahversorgung, Demenz und vieles mehr... Konkret planen wir die baldige Realisierung einer Pflege-Wohngemeinschaft in Oeffingen.

     

    Die Stärkung des Ehrenamtes in Vereinen und Organisationen wird ständig gefordert, die Realität sieht vielfach anders aus. – Wie steht die Fellbacher Oberbürgermeisterin Gabrielle Zull dazu?

    Ich bin froh, dass sich immer noch viele Menschen in Fellbach ehrenamtlich engagieren, aber ich weiß auch, dass das heutzutage alles andere als selbstverständlich ist. Wir müssen gute Rahmenbedingungen schaffen und Ehrenamt auch hauptamtlich begleiten. Dazu gehören zum Beispiel die Stabsstelle für Bürgerschaftliches Engagement und die Stabsstelle Senioren bei der Stadt Fellbach. Auch in der Flüchtlingsarbeit müssen wir stabile Netzwerke schaffen. Der Runde Tisch, der demnächst seinen Auftakt haben wird, soll dafür noch besser den Weg ebnen. Anerkennungskultur darf tatsächlich nicht nur ein Schlagwort sein, sondern muss auch wirklich gelebt werden. Das ist mein Ziel und ich denke dafür wird in Fellbach auch schon einiges getan.

     

    Was gefällt Ihnen und ihrer Familie in Fellbach besonders? 

    Die herzlichen und offenen Menschen, die uns überall begegnen.

     

    Was war für Sie die bisher positivste Überraschung?

    Dass ich von Jung bis Alt auf der Straße angesprochen werde und man mir überall sehr vertraut und freundlich entgegen kommt. Und wie schon in der Frage zuvor: Die herzlichen und offenen Menschen, die uns überall begegnen.

    Vielen Dank für dieses Interview.

    Jürgen Klein 

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