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    Ein halber Politiker, der kein Politiker sein will

    Arbeit und Gespräche müssen für Landrat Dr. Sigel konstruktiv sein

    Weißes Hemd, blauer Anzug, passend gestreifte Krawatte. Gestatten: Dr. Richard Sigel, seit dem 11. Mai 2015 Landrat im Rems-Murr-Kreis. Vor ihm liegt ein iPad. Öfter wirft er einen kurzen Blick auf den kleinen Bildschirm. Ganz professionell. Ganz zeitgemäß. Trotzdem sitzt er locker da. Um seine Lippen spielt meist ein verschmitztes Lächeln. So, als hätte er gerade etwas ausgeheckt. „Ich bin kein Politiker“, diese Aussage ist ebenso glaubwürdig wie: „Vielleicht doch zur Hälfte. Anders geht’s nicht.“

    Glaubwürdigkeit ist dem 1977 in Münsingen geborenen Verwaltungsjuristen wichtig. Sich geben wie man ist. Authentisch sein und bleiben, das will er. Dafür wählt Richard Sigel eine klare Sprache. Beispielsweise beim demografischen Wandel in der Gesellschaft: „Der war doch zu erwarten, ist keine Überraschung gewesen. Doch warum wurde so lange gewartet, um etwas zu tun?“ – Der Kreischef weiter: „Nun den demografischen Wandel zu erleben, planen und zu gestalten ist ein großer Anspruch.“ Und stellt die Frage in den Raum: „Ist das überhaupt zu schaffen?“

     Landrat Dr. Sigel
    Landrat im Rems-Murr-Kreis: Dr. Sigel

    Angepackt wurde das Thema im Rems-Murr-Kreis bereits. Möglichst optimale Behandlungen für die Altersmedizin in den Kliniken in Winnenden und Schorndorf zu erreichen, ist eine der Aufgaben. „Ob Ärzte oder Pflegepersonal, da sind wir gut aufgestellt und auf dem richtigen Weg“, meint der Landrat, zählt jedoch noch zahlreiche Baustellen auf: Die mangelhafte Flächenmedizin im ländlichen Bereich, die Hausarztversorgung und nicht zuletzt die der Einsatz von Notärzten. 

    Dabei denkt Dr. Sigel weiter, seine Stimme wird etwas lauter: „Auch die Mobilität für ältere Menschen muss verbessert werden.“ Beispielsweise der Barrierefreie Einstieg in Busse, das einfachere Lösen von Fahrscheinen oder fehlende  Toiletten an Bahnhöfen. Auch Ruf-Taxis sollten gerade in den Abendstunden in den Busfahrplan integriert werden. Als ehemaliger Dezernent für Verkehr, Recht, Ordnung und Verbraucherschutz im Rems-Murr-Kreis von 2010 bis 2013 kennt er die Problematik noch bestens. Bei Verbesserungen sieht der Kreischef nicht nur die Gemeinden, Kommunen, Landkreise oder Land und Bund. Er sieht den Komplex als gesamt-gesellschaftliche Aufgabe: „Anderen zu helfen ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit.“

    Geprägt von Kindheit an, ist für ihn Gemeinsinn eine Selbstverständlichkeit. „Auf der rauen schwäbischen Alb mit drei Geschwistern aufgewachsen“, wie der 39-Jährige gerne betont, half man sich gegenseitig. Das gehörte zum Leben. Ebenso wie das Durchsetzen. Das konnte schon sein Vater Hans, der von 1975 bis 1999 Bürgermeister von Römerstein war. Verantwortung tragen liegt also in der Familie. Als Landrat ist Sigel zudem Aufsichtsratsvorsitzender der Rems-Murr-Kliniken, Vorsitzender des Verwaltungsrates der Kreissparkasse, der Abfallwirtschaftsgesellschaft des Rems-Murr-Kreises, der Kreisbaugesellschaft Waiblingen, der Rems-Murr-Kreis-Immobilien-Management GmbH und der Rems-Murr-Gesundheits GmbH & Co.KG.

    Der ehemalige Student der Universitäten in Heidelberg, Cambridge und Krakau ist trotz allem ein grundsolider Schwabe geblieben. Lange und verwässernde Schachtelsätze oder Worthülsen sind ihm zuwider. Angelegenheiten beim Namen nennen und Sachverhalte deutlich klarstellen, ist eher sein Ding. Dabei entwickelte er eine erstaunliche Diplomatie. Das erklärt wohl einen „halben Politiker“. Für den Landrat ist ein akzeptabler Kompromiss eine Lösung. Starre Konfrontation dient niemand. Wer seine Freundlichkeit und Dialogbereitschaft jedoch als Willens- oder Führungsschwäche auslegt, tappt nicht nur ins Fettnäpfchen. Der bekommt eine klare Ansage. In Heidelberg hat Richard Sigle 2006 zum Doktor der Rechte promoviert. Von 2007 bis 2010 arbeitete er bei der Landesbank Baden-Württemberg, zuletzt als stellvertretender Leiter der Facheinheit Kapitalmarktrechte und Syndikusanwalt. – Und wie gesagt: Auf der schwäbischen Alb weht manchmal ein verdammt rauer Wind.

    Für ein besseres Klima im Kreis hat der Landrat bereits einiges getan. Nicht allein bei den Vertretern von Städten und Gemeinden. Der Bürger ist wichtig. Und dessen Verhalten: „Jeder kann vor Ort die Verhältnisse beeinflussen.“ Beispiele gibt’s genug: Wenn die Leute nur zu den Discountern laufen, werden die Bäckereien oder Metzgereien in den Ortschaften immer weniger. Von den einstigen „Tante-Emma-Läden“ ganz zu schweigen. Abgesehen vom Nutzen, sind solche Geschäfte noch immer wichtige Kommunikationsstellen gerade für ältere Menschen.

    Das Leben ist für Sigel „ein Nehmen und Geben“. Auch das Altern gehört für den zweifachen Familienvater zur Normalität, mit allen seinen Folgen: „Dabei kann auch die Demenzkrankheit kein Tabu sein. Vielmehr muss dieses Thema eine Selbstverständlichkeit werden.“ Im Landratsamt gibt‘s dafür schon länger eine spezielle Beratungsstelle. 

    Offen und offensiv geht der Landrat die Gruppe „Best Ager“, sprich: Generation 50plus, an und verfolgt die Arbeit der Orts-, Gemeinde- und Stadtseniorenräte aufmerksam und mit viel Respekt: „Gerade der Kreisseniorenrat tut viel, ist auch bei manchen Kreistags-Sitzungen dabei.“ Er sieht die vielfältigen Herausforderungen der Seniorenvertreter und schätzt diese Arbeit. Natürlich müsse auch der Kreis „bezahlbaren und altersgerechten Wohnraum schaffen“, doch vieles sei möglich. Das Miteinander ist ihm wichtig, wie in einem Mehrgenerationenhaus. Die jüngere erklärt der älteren Generation das Handy, die Senioren können sich möglicherweise als Babysitter revanchieren. – Ein Geben und Nehmen.

    Patentlösungen zu präsentieren, ist kaum möglich. Das weiß der Kreischef. Doch miteinander darüber reden und diskutieren, bringen die Lösungen näher. Wenn Gespräche konstruktiv sind. Effektiv muss ein Landrat aus Zeitgründen arbeiten. Das zeigt sein Blick auf den Bildschirm des i-Pads. Nach fast genau einer Stunde verabschiedet Dr. Richard Sigel sich. Um seine Lippen spielt das verschmitzte  Lächeln.

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