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    Folk-Musik aus Waiblingen: Angelika Maier und Reinhard Fischer

    »Wie komm i denn zur Haustiir nei, sag du mei Schätzle sag …«

    Es ist womöglich kein Zufall, dass dieses Lied „I komm heut Nacht“, welches mit dieser Zeile

    beginnt, bereits 1979 auf der LP „Ghopft wie gschpronga“ durch diese beiden Musiker veröffentlicht wurde. Die Beiden verbindet nicht nur die Liebe zur Folkmusik, der sie sich schon in jungen Jahren verschrieben haben. Sie sind auch in Liebe zueinander verbunden, haben eine Familie gegründet und erfreuen sich gemeinsam an ihren drei inzwischen erwachsenen Töchtern.

    Angelika Maier mit Schlüsselfidel
    Angelika Maier mit Schlüsselfidel
    Reinhard Fischer mit Bouzouki
    Reinhard Fischer mit Bouzouki

    Kennengelernt haben sich die Zwei in der katholischen Kirchengemeinde in Waiblingen.

    Für Angelika Maier und Reinhard Fischer bedeutet Tradition „die Weitergabe der Glut und nicht die Anbetung der Asche“. Diesem Leitsatz sind beide auch in ihrem beruflichen Leben treu geblieben.

    Angelika Maier ist Lehrerin an der Musikschule. Neben dem klassischen Repertoire, welches sie im Flötenspiel unterrichtet, liegt es ihr besonders am Herzen in ihrem Unterricht ihre Liebe zu traditionellem Liedgut weiterzugeben. Reinhard Fischer war Lehrer für Deutsch und Geschichte.

    Auch hier verstand er sich als Anwalt und Bewahrer dessen, was schon geschehen oder geschrieben worden war.

    Schon 1976 führte ihr gemeinsames Musizieren mit Freunden zur Gründung der Folkband „Linnenzworch“. Vier Liederhefte und drei Alben ihrer Musik entstanden und verbreiteten die bis dahin ungewohnte Art von Liedern in deutscher und auch in schwäbischer Sprache. Es war nicht leicht sich mit diesem Liedgut Publikum zu verschaffen, denn besonders unter den jungen Menschen der Nachkriegszeit hatte „Volksmusik“ in Folge der vorangegangenen Nazidiktatur einen üblen Beigeschmack, war unbeliebt, weitgehendst verpönt und wurde nur im schulischen Unterricht erlernt und gesungen, um anschließend bald in Vergessenheit zu geraten. Doch „Linnenzworch“ war keine Volksmusikgruppe, sondern eine Folkband, mit ganz eigener Musik.

    Die internationale Popularität des US-amerikanischen Folk-Rocks, entstanden in der Zeit politischer und sozialer Protestbewegungen der 60er und 70er Jahre in den Städten der USA, hat den Begriff „Folk“ nach Deutschland gebracht. Besonders aber der eher unpolitische „Irish Folk“ löste bei uns ein Wiedererwachen des Interesses an den eigenen musikalischen Traditionen aus und führte schließlich zum Entstehen der „Folkmusik“, einer modernen Form der herkömmlichen Volksmusik.

    Der „Irish Folk“ war es, der auch Angelika Maier und Reinhard Fischer inspirierte.

    Folk wird in unserer Sprache zwar mit Volk übersetzt, bezeichnet aber eine eigene musikalische Stilrichtung. Musiker dieses Genres orientieren sich hierbei nicht nur an volksmusikalischen Texten und Liedern, sondern bedienen sich ebenso traditioneller Musikinstrumente, wie beispielsweise Schlüsselfidel, Cister, Krummhorn, Drehleier, Dulcimer, Hackbrett oder Sackpfeife. Diese für unsere Ohren ungewohnten, sehr alten Musikinstrumente, faszinierten sowohl Angelika Maier als auch Reinhard Fischer. Teils in Workshops, teils autodidaktisch erlernten sie eine Vielzahl dieser Instrumente und erweiterten damit auch klanglich das Spektrum ihrer Musik. Mit dieser Musik füllten sie das Programm bei Konzerten und Festivals vor allem in der Schweiz, aber auch in Deutschland, in Österreich, Belgien, Frankreich und in den Niederlanden.

    „Linnenzworchs“ Lieder und Tänze entstanden durch das Kombinieren von Texten und/oder Melodien verschiedener schriftlich fixierten Aufzeichnungen deutschsprachiger Volkslieder, die sie durch ihre Recherchen in Bibliotheken ausfindig gemacht hatten. Passten Text und Melodie nicht zusammen adaptierten sie den Text an die Melodie einer anderen alten Volksweise. War der Text nicht eindrucksvoll genug, setzten sie diesen aus unterschiedlichen Versionen eines Liedes neu zusammen. Genügte der Text oder die Musik ihren eigenen Ansprüchen nicht, erarbeiteten sie einen eigenen Text. Die Musik wurde neu arrangiert oder neu komponiert.

    Seit nunmehr 38 Jahren tragen Angelika Maier und Reinhard Fischer ihre Musik in die Öffentlichkeit.

    Nach Auflösung der Folkband „Linnen­zworch“ gründeten die Beiden 1990 zusammen mit drei anderen Musikern die neue Folkband „Saiten Fell & Firlefanz“. Ihr Repertoire traditioneller deutscher Lieder erweiterten sie durch mitteleuropäische Tanzmusik. Angelika Maier und Reinhard Fischer sind die Konstanten in dieser Gruppierung, denn „Saiten Fell & Firlefanz“ tritt in unterschiedlichen Formationen auf. Mal als Quintett, mal als Trio oder Quartett spielen sie in Veranstaltungen zum Tanz auf. Sie umrahmen Vernissagen mit ihren Melodien, begleiten Theaterproduktionen oder bereichern durch ihre Musik die Eröffnung von öffentlichen Einrichtungen.

    Bei Hochzeiten oder Geburtstagen spielen sie auf zum Tanz. Das Tanzfestival in Lautenbach im Elsass, das Leipziger Tanzhausfestival und die Kulturwerkstatt in Simmersfeld im Schwarzwald gehören zu ihren regelmäßigen Auftrittsorten.

    Ihre CD „Musik“ gibt wunderbare Kostproben ihres Repertoires. Ein Tipp für diejenigen, die solche Musik gern selber machen möchten – Angelika Maier hat inzwischen sechs Notenhefte herausgegeben.

    In den letzten zwölf Jahren hat sich der Schwerpunkt der Gruppe verändert. Gesungene Lieder traten in den Hintergrund zugunsten instrumentaler Musik, mit Tänzen deutschen, schwedischen oder französischen Ursprungs. Nun wird vorwiegend bei Veranstaltungen zum Tanz aufgespielt. In Workshops geben beide die Tänze weiter an ihre Besucher.

    Noch haben die Folkbands in Deutschland ein vergleichsweise kleines Publikum. Folkfestivals im europäischen Ausland ziehen immer mehr Menschen an. Mittelaltermärkte, in den vergangenen Jahren vermehrt entstanden, bereichern zunehmend ihr Ambiente durch die Musik von Folkbands und tragen dadurch immer mehr zu Bekanntheit und Beliebtheit dieser Musik bei. Obwohl in Deutschland erst allmählich Freundschaft mit Tradition, dem Brauchtum und den überlieferten Liedern und Klängen alter Volkslieder geschlossen wird, existieren heute Folk-Festivals und Formen von Mitmach-Tanzabenden, die zum festen Bestandteil der Folk-Szene gehören. Aus Frankreich kam der „Bal Folk“ zu uns. Die live von einer Folkband dargebotene Musik lädt zum Mittanzen ein.

    Jeder ist willkommen. Hier gibt es keine Kleiderordnung. Getanzt werden Kreis-, Ketten- und natürlich auch Paartänze. Die Aufforderung zum Tanz ist nicht mehr Privileg der Männer. Im Paartanz begegnen sich nicht zwangsweise Mann und Frau. Alles ist möglich. Wer will, kann in den häufig vorweg angebotenen Workshops die verschiedenen Tänze erlernen.

    Kennenlernen kann man eine solche Tanzveranstaltung beispielsweise in Backnang-Steinbach. Dort spielt „Saiten Fell & Firlefanz“ im November dieses Jahres im Kulturclub „Club junges Europa (cje)“ auf zum Tanz. Zuvor können die Teilnehmer die wichtigsten Schritte erlernen.

    Am 10. Januar 2015 wird die Gruppe im Gemeindesaal der Heilig-Geist-Kirche in Waiblingen, Gänsäckerstraße 81 zu erleben sein. Zwischen 15:30 Uhr bis 18 Uhr können, nach Anmeldung, im angebotenen Tanz-Workshop zu Live-Folkmusik einfache Paar- und Kreistänze erlernt werden.

    Willkommen sind alle, ob einzeln oder paarweise.

    Auskunft und Anmeldung bei Angelika Maier, Tel. 07151-18478. Das anschließende Konzert beginnt um 20 Uhr.

    Vielleicht ist dann auch das eingangs erwähnte Lied zu hören, das da endet: „(...) i komm heut nacht wenns donkel isch ond alle Stroßa läär“.

    Auch im Internet anzuhören bei Youtube, zu finden unter dem Suchbegriff „Linnenzworch“, oder unter der Web-Adresse: www.youtube.com/watch?v=gCxwwDY4dHA (Heide ­Roesler)

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    Kommentare: 2
    • #1

      Nelly Kuster (Sonntag, 03 Dezember 2017 20:12)

      Hallo Angelika wir haben vor 40 Jahren im gleichen Haus gewohnt. Als ich heute alte sachen aufgeräumt habe sind mir deine Linnenzworch Liedhefte in die Hände geraten und google sei Dank hab ich jetzt ein wenig von deinem Leben erfahren. Mit herzlichen klingenden Grüssen Nelly...ich wohne immer noch im Auquartier

    • #2

      Res Rey (Montag, 11 Juni 2018 08:51)

      Hallo ihr Lieben. Ich habe begonnen, Violinzither zu spielen. Jetzt frage ich euch, ob jemand Unterricht anbietet oder auch nur Tipps... LG Res