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    Eben weil es sich nicht rechnet: Ein einfaches Lob auf Gertrud!

    Aus den Erlebnissen eines Pilgers auf dem Schwäbisch-fränkischen Jakobsweg

    In Wolfenbrück sitzt ein Mann vor dem Haus. Er zieht gerade seine Arbeitsstiefel an. Er wünscht uns einen guten Morgen. Wir tun es auch. Ich ergreife die Gelegenheit und frage ihn, ob es denn im Ort eine Bäckerei gebe. Seine Antwort lautet: Nein. Das überrascht mich etwas, weil Wolfenbrück von der Karte her ein durchaus ansehnlicher Ort ist. Also auch dies einer jener vielen Orte, wie wir sie auf unserem Weg erlebt haben, ohne erkennbare Infrastruktur und damit ohne jeden gegenseitigen Austausch. Vielleicht kommt meine Rückfrage ein bisschen zu scharf daher: „Und was macht jemand in Wolfenbrück, wenn er Hunger hat und etwas essen möchte?“ – Die Antwort kommt prompt: „Dann muss er ens Eikaufa fahra.“

    Es ist also nicht vorgesehen, dass jemand nicht motorisiert ist. „Ens Eikaufa“ kann man nur „fahra“. Ob der Mann auch nur im Geringsten ahnt, welche Bedeutung das hat, was er gerade ausspricht? Wir als Wanderer und Pilger nehmen die Dinge aus einer anderen Perspektive wahr. Wir sind auf Zeit nicht motorisiert. Aber das ist nicht das Entscheidende. Die kleineren Ortschaften, durch die wir kommen, sind allesamt in gleicher Weise deprimierend. Es sind keine Orte mehr. Bestenfalls kann man diese Ansammlung von Häusern als Siedlung bezeichnen, die sich in kaum zu überbietender Eintönigkeit in die Landschaft gefressen haben. In diesen Orten gibt es kein Gemeinschaftsleben. Es herrscht eine Armut, über die auch die schönsten bepflanzten Vorgärten und die breitesten sauber gepflasterten Garageneinfahrten nicht hinweg täuschen können. Dies alles ist nur Ausdruck einer inneren Leere, einer Blutarmut aufgrund mangelnden Gemeinsinns.

    Heidi und ich machen am Ortsende von Wolfenbrück auf einer Bank an der Hauptstraße Rast. Wir stärken uns mit einem Müsliriegel und einem Schluck aus der Wasserflasche und diskutieren über den Eindruck, den solche Ortschaften auf uns machen. Wir fragen uns, woran es liegen könnte. Dabei fällt uns Gertrud ein, die wir auf unserem Weg im vergangenen Jahr kennen gelernt haben. Sie lebt in einem Ort kurz vor Rothenburg ob der Tauber, dessen Namen wir vergessen haben. Wir reden von Gertrud, die einmal in der Woche für die Alten im Dorf – und es gibt wie sie sagt, nur noch Alte – Schnitzel brät und Pommes frites dazu. Oder waren es Hähnchen mit Kartoffelsalat? Wie dem auch sei: Wir nennen die Frau Gertrud, deren Gaststube aussah wie ein Wohnzimmer: Mit dem Fernseher und dem Sofa und irgendwo vielleicht einem Schulranzen der Kinder. Oder sollte man lieber sagen, deren Wohnzimmer aussah wie eine Gaststube: Mit dem Tresen und der obligatorischen Lampe mit der Brauereiwerbung darüber.

    Gertrud, deren Haustüre offen ist für Fremde und Gäste. Auch während der Woche, wenn es keine Schnitzel gibt. Die einen Zettel an die Tür hängt, damit man sie auch dann findet, wenn sie gerade im Garten ist. Gertrud, die ausharrt an einem Ort mit einem „Geschäft“ von dem sie selbst weiß und andere wissen, dass es keine Zukunft hat. Gertrud, die trotzdem einmal in der Woche die Alten bewirtet und ein bisschen Geld dafür nimmt. Sie macht es nicht wegen des Geldes; weil sich das ohnehin nicht rechnet, sondern damit die Alten einmal in der Woche ein bisschen Freude haben. Damit sich einmal in der Woche etwas tut, die Alten wo sein können und nicht jeder für sich vor dem Fernseher hocken muss. Sondern wo sie kommen und einfach da sein können, trinken und essen, lachen oder streiten, sich aneinander freuen oder einander links liegen lassen.

    Davon reden wir, wenn wir über Gertrud reden. Weil es das bisschen in jenem Ort nicht gäbe, wenn Gertrud es nicht machen würde. Hier in Wolfenbrück gibt es keine Gertrud. Und weil es keine Gertrud gibt, bleibt hier jeder für sich – und  wir bleiben ohne Frühstück. Das Letztere ist verkraftbar. Schlimm dagegen ist, dass sich in Wolfenbrück irgendwann in den vergangenen zehn oder vielleicht auch zwanzig  Jahren jemand oder einige sich anders entschieden haben  als Gertrud. Dass da irgendwann noch alt und gebeugt eine Gertrud in einem Laden bedient hat, in dem man Dinge des täglichen Bedarfs kaufen konnte. Die Enkel haben ihr ab und zu geholfen, schwere Kisten aus dem Keller oder in den Keller getragen. Die Kisten mit Limonaden- und Bierflaschen, die von einer Brauerei aus der Gegend ausgeliefert wurden, verräumt oder die einzelnen Flaschen ins Regal gestellt. Man hat die Alte gelassen, weil der Laden ihr Leben war.


    Als sie nicht mehr konnte, hat man die Regale abgebaut und die Ladentür zu gemauert. Warum? Aus genau dem Grund: Weil es sich nicht mehr gerechnet hat. Aber man darf doch fragen oder muss man es sogar, ob es denn eine Zeit gab in der sich ein solcher Handel „gerechnet“ hat. Ob der Grund für einen solchen Handel nicht auch in früheren Zeiten darin lag, dass er für den täglichen Bedarf notwendig war. Dass es hilfreich war, wenn man nicht wegen allem und jedem zum nächsten Markt fahren musste? Da hatte jemand irgendwo in seiner Scheune ein Lager mit den Waren, und die anderen konnten bei ihm holen. Ob es sich rechnet, hat damals doch keiner gefragt!

    Gertrud ist nicht dumm. Sie weiß, wie alle anderen, dass es sich nicht rechnet. Aber Gertrud hat sich anders entschieden. Sie hat sich dagegen entschieden, dass die Frage, ob es sich rechnet, als einziger Grund dafür gilt es zu tun oder zu lassen. Gertrud brät ihre Schnitzel (oder waren es Hähnchen?), weil sie meint, dass es notwendig ist. Man könnte auch sagen, dass Gertrud an etwas glaubt. Gertrud ist eine Gläubige. Und weil sie eine Gläubige ist, setzt sie dagegen. Solcher Glaube ist in Wolfenbrück und an vielen andren Orten unseres schönen Landes abhanden gekommen. Es fehlen die Menschen, die etwas deshalb tun, weil es notwendig ist und förderlich – und nicht, weil es sich rechnet. | Reinhard Wick

    Aus den Erlebnissen eines Pilgers auf dem schwäbisch-fränkischen Jakobsweg:

    Erfahrungen und festgehaltene Gedanken von Reinhard Wick aus Weissach im Tal. Gemeinsam mit seiner Partnerin Heidi und seinem vierbeinigen Begleiter Harlekin ist er immer wieder auf Schusters Rappen in der Region unterwegs. Dabei entdecken sie die gewohnte Alltagswelt aus einem ungewohnten Blickwinkel und erleben manche interessante Begegnung.
    Reinhard Wick ist Familientherapeut und Pastor.


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